Nachruf für Samson

Laursen
  • Rudelbeschützer
Beiträge: 2588
Samson lehrte ich mit seiner Familie in einem Agility-Anfängerkurs kennen.
Damals kam ein zwölfjähriges Mädchen mit einem schwarzen Hund, der an einen Labrador erinnerte, die Mutter des Mädchens, die an Krücken ging und der Vater, in der Arbeitskleidung eines Strassenarbeiters.

Der Hund war Samson, ein Mischling aus Labrador Formel eins, Jagdhund und Riesenschnauzer.
Samson war überlebedig, die ganze Zeit aktiv und hatte dabei fast keine Konzentrationsfähigkeit.
Dies war so schlimm, wie ich es seither nie wieder erlebt hatte, Samson hatte sogar diesen irren Blick mit den unruhigen Augen, die nie lange auf etwas konzentriert bleiben konnten.

Für das Mädchen war es fast eine unmögliche Aufgabe, mit diesem Hund Agility laufen zu wollen.
Andauernd lies der Hund sich ablenken, andauernd explodierte der Hund schier vor Energie, wenn sie etwas mit ihm machen wollte.
Die Mutter konnte überhaupt nicht helfen, den sie ging an Krücken, weil sie so starkes Rheuma hatte, dass sie nur noch unter grossen Schmerzen laufen konnte.
Der Vater war zwar ein freundlicher Mann aber es wurde auch sehr schnell klar, dass dieser Mann nur eine Art der Erziehung kennen gelernt hatte, nähmlich die über Strafe und Härte.
Samson mied den Vater, auch wenn er immer versuchte, ihn nicht zu provozieren, auch nicht mit Ungehorsam.
Dabei konnte Samson sich nie wirklich beruhigen, egal wie wütend der Vater wurde.

Das Mädchen wollte wirklich Agility mit Samson machen und Samson liebte es, mit ihr zu laufen, auch wenn ihn das so aufdrehte, dass fast nicht mehr auf der Bahn laufen konnte.
Aggressiv war Samson nie, auch wenn ihn die anderen Hunden wegen seiner Nervosität und seinem ungebärdeten Verhalten nicht mochten, er lief von anderen Hunden einfach davon und wurde er gestellt, unterwarf er sich.
Auch gegenüber Menschen zeigte er nie Aggressionen, obwohl ihn Männer verunsicherten aber er lies sich von jedem Anfassen und versuchte immer über freundliches Verhalten alles zu entschärfen.

Irgendwann konnte man Samson nicht mehr mit den anderen Anfängerhunden trainieren lassen, er brauchte zu viel Betreuung und er konnte nicht Schritt halten, mit den Fortschritten der anderen Hunde.
Deshalb bot ich der Familie und einem anderen Frau mit einem Schäfer, die ungefähr gleich schwierig waren an, sie gesondert zu unterweisen.
Das Mädchen gab nicht auf, die ganze Zeit machte sie Konzentrationsübungen, Selbstbeherrschungsübungen und Bindungsfördernde Spielchen mit ihm und Samson wurde ganz langsam immer wie besser.
Er wurde im Agility nie so gut, als dass sie an irgendeinem Wettbewerb hätten teilnehmen können aber er konnte am Schluss immer wieder ganze Bahnen laufen.
Dies in einer ungeheuren Geschwindigkeit und so lange er sich darauf konzentrieren konnte, auch mit einer unglaublichen Feinfühligkeit gegenüber dem Mädchen.

Samson war auch auffällig, weil er ungeheure Mengen Wasser trank und logischerweise auch unheimlich viel urinierte.
Als man versuchte auf Aufforderung des Tierarztes zu Messen, wie viel er an einem Tag trank, konnten sie sicher über acht Liter messen.
Das Messen wurde erschwert, weil die Familie auf einem ehemaligen winzigen Hof lebte und Samson sich hauptsächlich draussen aufhielt, weil er sich nur am Abend so weit beruhigen konnte, dass man es mit ihm längere Zeit im Haus aushalten konnte.
Ich hatte noch nie erlebt und habe diese Erfahrung auch nicht noch einmal gemacht, dass man einen Hund mit Wasser besser belohnen konnte, wie mit Leckerli.

Das Mädchen und ihre Mutter traf ich vor kurzen nach längerer Zeit wieder.
Im letzten Jahr begann alles schief zu laufen für Samson.
Zuerst hatte das Mädchen einen Ausbildungsplatz gefunden, der war aber mehrere hundert Kilometer weg von ihrem Wohnort, auch wenn es dort Wohnmöglichkeiten für Auszubildende gab.
Kurz nachdem das Mädchen den Ausbildungsplatz angenommen hatte, trennten sich der Vater und die Mutter, der Vater hatte eine neue Freundin gefunden.
Samson blieb beim Vater, den der winzige Hof gehörte der Familie des Vaters und die Mutter konnte auch wegen ihrem Rheuma Samson nicht mit in eine Wohnung nehmen.
Dann erblindete Samson.

Als das Mädchen diesen Sommer zu ihrem Vater sollte und ihr Vater sie deswegen abholte, sagte er ihr, dass er Samson hat einschläfern lassen ...

Samson war ein Hund, der unglaubliches Glück gehabt hat in seinem Leben.
Er hätte sehr wahrscheinlich nicht normal mit Menschen zusammenleben können, nur der Hof machte es möglich, dass sie den Hund nicht hatten aufgeben müssen.
Dann war da das Mädchen, dass sich Jahrelang um den Hund bemühte und es tatsächlich fertigbrachte, dass Samson immer wieder ein lebenswertes Leben führen konnte.
Ich weiss nicht, wie Samson das Leben hätte meistern können, als er erblindete, nur einfach wäre das für ihn nie geworden, dafür konnte er viel zu schlecht ruhig und konzentriert sein.
Deshalb bin ich auch nicht bereit, den Besitzern Vorwürfe zu machen.
Samson wird nie vergessen werden, mindestens so lange nicht, wie eine junge Frau von sechzehn Jahren sich noch erinnern kann.

Samson, Du hast mich viel gelehrt.
Sowohl über Hunde wie auch über Menschen und die Grenzen dessen, mit was wir umgehen können.
Noch nie habe ich einem Lebewesen so den Frieden und die Ruhe gewünscht, den man sich erhofft, wenn der Tod einen ereilt, ohne dass ich Dir deswegen je den Tod gewünscht habe.
Ich hoffe, Du hast das jetzt endlich gefunden.
ellimaus7
  • Forenwelpe
Beiträge: 17
Das ist ja echt richtig rührend dieses Geschichte......
Einfach nur süß..
weißt du vllt wie alt dieser samson geworden ist?
caro137
  • Begleithund
Beiträge: 1243
RIP Samson.
Auch wenn viele Hunde gut mit einer Erblindung klar kommen- ich denke auch, dass es für so einen Hund eine Katastrophe wäre.
So traurig es ist - manchmal ist Einschläfern tatsächlich das letzte was man einem Hund noch "Gutes" tun kann
The greatness of a nation and its moral progress can be judged by the way its animals are treated (Mahatma Gandhi)
Für ein Hundeleben ist der Mensch verantwortlich.
bullterrier-in-not.de
Laursen
  • Rudelbeschützer
Beiträge: 2588
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